Ein empörender Affront – unsere Antwort auf die Stipendien-Vergabe der Stiftung Kunstfond Bonn

Sehr geehrte Frau Dr. Lingl, sehr geehrte Frau Prof. Brandmeier, sehr geehrter Herr Prof. Melhus, sehr geehrter Herr Zeidler,

Ihre Sammelantwort an mehrere Adressaten, darunter auch der Künstlerbund Dresden, haben wir erhalten und an verschiedene Stellen zur Kenntnisnahme weitergeleitet, so auch an die Presse.

Beiliegender Artikel der taz zur Kenntnisnahme. Frau Werneburg schreibt darin, dass das Geld, das Frau Dr. Grütters der Stiftung Kunstfonds zur Weitervergabe an Bildende Künstler*innen anvertraut hat, nicht verantwortungsvoll eingesetzt wurde. Damit trifft sie auch nach unserer Ansicht ins Schwarze. Vergleicht man überdies die Stipendienvergabe der Stiftung Kunstfonds mit dem verfassungsrechtlichen Ziel der Geschlechtergerechtigkeit, so haben Sie nachgerade versagt.

In den von Frau Grütters beim Deutschen Kulturrat in Auftrag gegeben Studien ist zu lesen, dass „der Staat die Verpflichtung [hat], Maßnahmen auf allen Ebenen zu ergreifen, um dieses Ziel zu erreichen“. Als bundeseigene Stiftung sind Sie dieser Ihrer Verpflichtung nicht nach gekommen.
Wir leben in Zeiten einer Pandemie und viele Künstler*innen – überproportional viele Künstlerinnen mit Kindern und Care-Aufgaben – sind in Not geraten. Damit die Not dieser Menschen gelindert wird, hat die Bundesregierung Geld bereit gestellt. Wenn nun die Stiftung Kunstfonds allein „Qualität“ als gültiges Auswahlkriterium einsetzt, und, wie üblicherweise von Stiftungsseite praktiziert, eine künstlerische Elite fördert, so hat sie, einschließlich der von ihr berufenen Jury, die Situation auf beschämende Weise verkannt oder verkennen wollen. Ein NEUSTART ist vor allem für jene wichtig, die nicht ohnehin zu den von Ihnen Ausgezeichneten gehören. Diese Haltung bzw. Nicht-Haltung zeugt von einer Ignoranz, die uns und viele Einzelkünstler*innen und Verbände im Land fassungslos macht.


Hier noch einmal die Fakten:
Beworben haben sich 826 Personen, davon 497 weiblich, 323 männlich und 6 divers. Von den überdurchschnittlich vielen Künstlerinnenanträgen wurden schließlich 43 Frauen bedacht. Das bedeutet, dass lediglich 8,6 % der eingegangenen Anträge von Frauen erfolgreich waren, aber 14,6 % der Anträge von Männern. Das ist wider den Grundsatz der Parität (den Ihre Stiftung noch im August telefonisch bestätigte) und wider eine gerade in diesem Fall dringend gebotene Geschlechtergerechtigkeit.
Angesichts der (unabhängig von einer Pandemie) beruflichen und wirtschaftlichen Situation von Frauen bzw. Künstlerinnen in unserer Republik (siehe Studien des Deutschen Kulturrats), wo immer noch 80 % der Sorgearbeit von Frauen geleistet wird, sind diese Zahlen ein empörender Affront. In unseren Augen hat die Stiftung mit den von Ihnen sanktionierten Jury-Entscheidungen auf gröbste Weise gegen Grundsätze unserer Demokratie verstoßen und frauenfeindlich gehandelt.
Wir werden nicht weiter zusehen, wie Menschen in Entscheider*innenfunktionen Parität und Geschlechtergerechtigkeit verhindern, schon gar nicht in Zeiten wie diesen. Wir werden alles daran setzen, das Zementieren überkommener, unreflektierter Haltungen und Strukturen im staatlich subventionierten Förderbetrieb zu verhindern.

Beiliegend eine Broschüre, die wir Ihnen zur Lektüre empfehlen.


Mit bestem Gruß,



Ines Doleschal, Rachel Kohn, Christina Stark, Rani Le Prince, Petra Weller, Alice Baillaud, Kathrin Schrader, Miriam Neubauer, Delia Keller, Denise Richardt und weitere Mitglieder der Initiative kunst+kind berlin